Interview mit Ökonom Prof. Dr. Stefan Janßen

Inflation: „Im globalen Vergleich sind wir eigentlich in einer guten Situation.“

3. August 2022

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Über viele Jahre hinweg war die Inflation in der Eurozone kein großes Thema. Doch das ist vorbei. Seit dem Frühjahr 2021 ist sie deutlich über das von der Europäischen Zentralbank angestrebte Niveau gestiegen. Durch den russischen Angriff auf die Ukraine bekam sie zusätzlichen Schub. Aber was genau ist Inflation eigentlich? Warum steigt sie nun, was geschieht dadurch und was bedeutet das für den Verbraucher? Darüber haben wir Prof. Dr. Stefan Janßen gesprochen, der seit 2014 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Jade Hochschule Wilhelmshaven ist.


Herr Prof. Janßen, über viele Jahre hinweg war die Inflation kein öffentliches Thema. Aktuell ist sie aber in aller Munde, jeder spricht darüber. Nur: Richtig gut erklären kann es kaum jemand. Können Sie das?

Ich hoffe es! Ganz vereinfacht ist es so, dass wir eine bestehende Menge an Waren und Dienstleistungen haben und eine bestehende Menge Geld. Wenn ich nun entweder mehr Geld habe oder weniger Waren, dann ist das Verhältnis nicht mehr ausbalanciert. Das führt dazu, dass sich das gesamte Preisniveau – nicht nur für einzelne, sondern für alle Güter – erhöht. Das nennen wir Inflation. Und das bedeutet, dass die Kaufkraft meines einzelnen Euros abnimmt, ich bekomme also weniger dafür.

Was löst denn so ein Ungleichgewicht aus? Warum sind wir aktuell aus der Balance geraten?

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das Gleichgewicht gestört werden kann. Erstens: Es wird schlicht viel zu viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Zweitens: Es gibt eine Verknappung bei bestimmten Gütern und Dienstleistungen. Aktuell können wir ganz konkret sehen, dass beides gleichzeitig passiert – sowohl von der Politik als auch von der EZB getrieben. Ausgerechnet jetzt kommt alles zusammen und verstärkt sich gegenseitig.

Aber was passiert genau?

Politisch haben wir zunächst einmal den russischen Angriffskrieg, der dazu führt, dass sehr viele Güter, vor allem aber Energie, sehr teuer geworden sind. Ein politischer Faktor ist ebenfalls die Energiewende. Durch sie wurden Baustoffe, Dämmstoffe und Handwerker viel teurer. Auf der Seite der Zentralbank haben wir auch zwei Ansatzpunkte. Schon seit Jahren wird sehr viel Geld gedruckt. Zum einen wegen der Spätfolge der Finanzkrise und aktuell wegen der Folgen der Corona-Krise. Mit der zusätzlichen Liquidität werden Staaten und Unternehmen gestützt, sie befindet sich nun aber auch im System.

 

„Für alles, was in Dollar abgerechnet wird, müssen wir mehr Geld bezahlen. Das nennt man importierte Inflation.“

 

Und zum anderen?

Gleichzeitig hat die EZB die Zinsen sehr niedrig gehalten. Es ist viel attraktiver im US-Dollar anzulegen, deswegen ist der Wert des Euro gegenüber dem Dollar auf ein 20-Jahres-Tief gefallen. Für alles, was in Dollar abgerechnet wird – zum Beispiel Öl –, müssen wir mehr Geld bezahlen, die Waren werden im Inland teurer. Das nennen wir importierte Inflation. Wie stark sich das auswirkt, erkennen wir an der Schweiz. Die liegt ja auch in Zentraleuropa, verzeichnet aber deutlich geringere Inflationsraten als wir, unter anderem weil der Franken eine starke Währung ist. Der Euro ist derzeit schwach.

Der Tenor der medialen Berichterstattung ist momentan eindeutig: Die Inflation ist negativ für uns und unser Portemonnaie. Aber wie betrachtet man die Inflation denn aus wissenschaftlicher Perspektive?

Da gibt es tatsächlich eine eindeutige Meinung: Wir kennen ja die Inflation, das Preisniveau steigt. Und wir kennen das Gegenteil, die Deflation, das Preisniveau sinkt. Die Einschätzung ist klar: Eine Deflation ist negativ zu sehen und eine starke Inflation ist negativ zu sehen. Eine leichte, milde Inflation ist aber in Ordnung und ein Stück weit sogar wünschenswert.

 

„Es gibt Unterschiede in den Preisschwankungen – manche Preise sinken sogar.“

Gehen denn jetzt alle Waren preislich nach oben oder gibt es Unterschiede?

Es gibt Unterschiede, manche Preise sinken sogar. Die Inflation wird ermittelt anhand eines standardisierten Warenkorbs. Der ist so zusammengesetzt, dass er den Ausgaben eines durchschnittlichen deutschen Haushalts entspricht. Die eine, richtige Inflationsrate für alle gibt es nicht. Denn sobald sie etwas anderes konsumieren als der Durchschnitt – der ja ebenfalls fiktiv ist – haben sie sofort eine andere Rate.

Hat das auch gesellschaftliche Auswirkungen?

Definitiv! Die Inflation zieht auch soziale Probleme nach sich. Wenn Sie ein niedriges Einkommen haben, geben Sie relativ viel für Nahrungsmittel und Energie aus. Deshalb ist Ihre persönliche Inflationsrate dann aktuell sehr viel höher, als wenn Sie nur einen kleinen Teil ihres Geldes dafür ausgeben. Diese soziale Ungleichheit ist eines der Probleme der Inflation.

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„Ein Problem, das die Inflation verursacht, ist soziale Ungleichheit.“

 

Was kann denn die Regierung oder die EZB tun, damit sich etwas ändert? Welche Werkzeuge stehen zur Verfügung?

Die EZB müsste jetzt weiter die Zinsen erhöhen und die Liquidität etwas verknappen, so dass der Euro an Wert gewinnt und nicht mehr so viel Geld im Umlauf ist. Dabei wird sie aber vorsichtig bleiben wollen. Denn gleichzeitig steht das Wirtschaftswachstum auf der Kippe und die EZB will auch vermeiden, dass es eine tiefe Rezession gibt.

Die Politik kann versuchen, Preise zu beeinflussen, indem sie Alternativen eröffnet. Sie könnte die Preise auch ein Stück weit subventionieren oder zusätzliches Einkommen an diejenigen geben, die besonders betroffen sind. Gas aus anderen Quellen zu beziehen und die Erneuerbaren Energien verstärkt auszubauen ist ein weiterer Ansatz. Beide wirken allerdings nicht über Nacht.

Es spricht also einiges dafür, dass die hohen Raten uns noch eine Weile begleiten? Schließlich ist die Energie ein erheblicher Faktor bei der Inflation.

Den politischen Faktor können wir nicht seriös einschätzen. Entscheidet Russland morgen, sich zurückzuziehen, dann werden die Energiepreise natürlich zurückgehen. Auf die Inflationsniveaus, die wir vorher hatten – sagen wir: um ein Prozent –, werden wir aber dennoch nicht kommen, weil wir immer noch die Geldmenge und die Zinsen haben.

 

„Selbst wenn wir den Angriff Russlands außer Acht lassen, werden wir über Jahre Inflationsraten von drei oder vier Prozent haben.“

 

Dazu kommt, dass die aktuelle Lage zu einer starken Fragmentierung der Weltwirtschaft führt. Die Globalisierung, die über viele Jahre zu niedrigen Preisen geführt hat, ist erstmal gestoppt und zum Teil sogar umgekehrt. Das heißt, wir werden über viele Jahre hinweg statt eines entlastenden einen belastenden Effekt sehen. Auch wenn wir den russischen Angriff ausblenden, werden wir über Jahre Inflationsraten von drei oder vier Prozent sehen.

Wie ist die Situation für die Verbraucher:innen?

Wenn wir konkret auf Deutschland blicken, dann gibt es zwei Perspektiven. Dass alles sehr teuer wird, trifft uns natürlich. Aber: Im globalen Vergleich sind wir eigentlich in einer guten Situation. Immerhin haben wir zuletzt knapp die Hälfte unseres Stroms aus Erneuerbaren Energien erzeugt und die Abhängigkeit von russischem Gas somit deutlich reduziert. Da wir gerade einen Arbeitskräftemangel haben, müssen wir außerdem keine Massenarbeitslosigkeit fürchten. Das stellt sich in anderen Ländern ganz anders dar, zumal dort das soziale Netz fehlt, welches in Deutschland vorhanden ist.

 

„Was wir im Alltag tun können? Weniger verbrauchen, teure durch billigere Produkte ersetzen und günstiger einkaufen.“

 

Was kann jeder Einzelne tun, um sich mit der Inflation zu arrangieren?

Ganz klassisch: weniger verbrauchen. Das betrifft besonders die Energie, weil sie so teuer geworden ist. Also: Sie sollten weniger heizen, Auto fahren und reisen. Je weniger wir alle verbrauchen, desto geringer ist gleichzeitig die Nachfrage – dadurch gehen die Preise runter. Die Substitution ist die zweite Möglichkeit, also ein teureres Produkt durch ein billigeres zu ersetzen, etwa Butter durch Margarine, Sonnenblumenöl durch Rapsöl. Die dritte Möglichkeit ist, günstiger einzukaufen. Das heißt, Sie gehen zum Discounter und achten verstärkt auf Sonderangebote.

Dennoch bleibt es dabei, dass eine schnelle Lösung nicht in Sicht scheint. Hand aufs Herz: Macht Ihnen der Beruf angesichts dieser Ausgangslage überhaupt noch Spaß?

Ich versuche immer, das Positive zu sehen. Zum Beispiel: Man hat erkannt, dass die Finanzströme – also wer in was investiert – riesigen Einfluss haben. Plötzlich stellt man fest, dass der Finanzsektor an einer Stellschraube sitzt und vieles beeinflussen kann. Damit könnte dem Finanzsektor also eine nachhaltige und gestalterische Kraft zukommen. Deshalb kann ich jetzt auch sagen: Ja, die Zeiten sind herausfordernd, aber auch interessant.

Und: Hohe Preise können eine Lenkungswirkung haben. Die Leute fahren jetzt beispielsweise weniger oder langsamer Auto und verbrauchen so weniger. Ohne steigende Energiepreise würde der Verbrauch nicht sinken. Auch das finde ich sehr positiv.

Prof. Janßen, vielen Dank für das Gespräch!

©Pfeiffer/Jade Hochschule

Prof. Dr. Stefan Janßen

studierte nach einer Bankausbildung Betriebswirtschaftslehre mit juristischem Schwerpunkt und Ökonomie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Danach arbeitete der heute 51-Jährige zunächst als Firmenkundenbetreuer, später als Dozent und Trainer für Fach- und Führungskräfte sowie als Prüfungsleiter der Deutschen Bundesbank. Daneben promovierte er 2011 ebenfalls an der der Universität Oldenburg. Nach Studien- und Arbeitsaufenthalten in Großbritannien, Irland, Polen, Singapur und den USA kehrte er 2014 nach Oldenburg zurück.

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